Grundlagen des Ehrenamts im Sportbereich
Das Ehrenamt im Sport stellt einen der wichtigsten Pfeiler des gesellschaftlichen Engagements in Deutschland dar. Unter dem Begriff versteht man freiwillige, unbezahlte Tätigkeiten, die in Sportvereinen, Verbänden und Initiativen ausgeübt werden, um den Trainings- und Spielbetrieb sowie die Organisation des Vereinslebens aufrechtzuerhalten. In keinem anderen Bereich engagieren sich so viele Menschen ehrenamtlich wie im Sport: Laut dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) sind rund acht Millionen Menschen in Deutschland ehrenamtlich im Sport tätig – eine Zahl, die die enorme Relevanz dieser Arbeit unterstreicht.
Das ehrenamtliche Engagement umfasst zahlreiche Funktionen: vom Jugendtrainer über Platzwart, Kassierer, Betreuer, Vorstandsmitglied bis hin zum Vereinsvorsitzenden. Ohne dieses Engagement wäre der organisierte Sport, insbesondere im Amateur- und Breitensportbereich, in seiner heutigen Form kaum denkbar. Das Ehrenamt erfüllt dabei nicht nur eine funktionale Rolle, sondern stiftet auch sozialen Zusammenhalt, Identifikation und Wertevermittlung.
Historische Entwicklung des Ehrenamts im Sport
Das Ehrenamt im Sport hat in Deutschland eine lange Tradition. Schon im 19. Jahrhundert entstanden die ersten Turn- und Sportvereine, die sich auf Basis freiwilliger Organisation bildeten. Besonders im ländlichen Raum entwickelten sich Vereine schnell zu sozialen Zentren der Dorfgemeinschaft. Mit dem zunehmenden Ausbau des Vereinswesens im 20. Jahrhundert wurde das Ehrenamt zu einer festen Säule sportlicher Betätigung.
In den 1950er- bis 1980er-Jahren erlebte das Ehrenamt im Sport eine Blütezeit. Es war selbstverständlich, dass Eltern, ehemalige Aktive oder sportlich Interessierte freiwillige Funktionen übernahmen. In dieser Phase etablierte sich das Modell des selbstverwalteten Sportvereins, das bis heute den Großteil der Sportlandschaft in Deutschland prägt.
Auch wenn sich die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen seitdem stark verändert haben – etwa durch Mobilität, Digitalisierung oder demografischen Wandel – bleibt das Ehrenamt im Sport ein zentraler Bestandteil des gemeinschaftlichen Lebens.
Gesellschaftliche Bedeutung und Funktionen
Das Ehrenamt erfüllt im Sport vielfältige Funktionen, die weit über das rein Organisatorische hinausgehen. Zum einen ermöglicht es die tägliche Durchführung von Sportangeboten für alle Altersklassen. Zum anderen übernimmt es eine wichtige Rolle in der Vermittlung von Werten wie Fairness, Disziplin, Verantwortung und Gemeinschaft.
Ehrenamtliche sind oft nicht nur Helfer, sondern auch Vorbilder, Mentoren und Ansprechpartner. In der Jugendarbeit beispielsweise sind sie häufig entscheidend für die Entwicklung junger Menschen, sowohl sportlich als auch charakterlich. Besonders in kleineren Gemeinden und strukturschwachen Regionen wirkt das Ehrenamt als soziales Bindeglied, das Vereinsleben und Gemeinschaftsgefühl schafft.
Darüber hinaus hat das Ehrenamt auch eine wirtschaftliche Bedeutung. Würden alle ehrenamtlich geleisteten Stunden im Sportbereich vergütet, entstünden Milliardenkosten, die kein Verein und kein staatliches System zu tragen vermögen. Das Ehrenamt leistet somit auch einen nicht zu unterschätzenden Beitrag zur Entlastung öffentlicher Haushalte und zur Stabilisierung des Sportsystems.
Herausforderungen des modernen Ehrenamts
Trotz seiner zentralen Bedeutung steht das Ehrenamt im Sport heute vor großen Herausforderungen. Der gesellschaftliche Wandel hat die Rahmenbedingungen für freiwilliges Engagement verändert. Die zunehmende Individualisierung, berufliche Belastung, Mobilität und eine veränderte Erwartungshaltung jüngerer Generationen führen dazu, dass viele Vereine Schwierigkeiten haben, ehrenamtliche Positionen dauerhaft zu besetzen.
Ein weiterer Faktor ist die zunehmende Bürokratisierung. Ehrenamtliche müssen sich heute mit rechtlichen, versicherungstechnischen und finanziellen Fragen auseinandersetzen, die früher kaum eine Rolle spielten. Viele potenzielle Ehrenamtliche fühlen sich dadurch überfordert oder abgeschreckt.
Auch die Digitalisierung hat das Vereinsleben verändert: Die Erwartungen an Kommunikationsstrukturen, Mitgliederverwaltung oder Öffentlichkeitsarbeit steigen – ebenso wie der Zeitaufwand für ehrenamtliche Tätigkeiten. Vor allem in kleineren Vereinen fehlt es oft an Kompetenzen oder technischer Ausstattung, um diesen Anforderungen gerecht zu werden.
Nicht zuletzt verändert sich auch die Motivation: Viele Menschen möchten sich heute projektbezogen und zeitlich befristet engagieren, statt langfristig Verantwortung zu übernehmen. Das klassische Modell des „Lebenszeit-Ehrenamts“ wird zunehmend seltener.
Erfolgsfaktor: Führung durch das Ehrenamt – Das Beispiel Rigo Gooßen
Ein herausragendes Beispiel für die Wirkungskraft und Nachhaltigkeit des Ehrenamts im Sport ist Rigo Gooßen, der über vier Jahrzehnte Präsident des niedersächsischen Fußballvereins SV Drochtersen/Assel war. Sein ehrenamtliches Engagement steht exemplarisch für die Prinzipien und Möglichkeiten, die mit dieser Form des Einsatzes verbunden sind.
Gooßen übernahm die Vereinsführung in einer Phase, in der Drochtersen/Assel noch weit entfernt war von sportlichem Erfolg oder medialer Aufmerksamkeit. Mit großem persönlichen Einsatz, strategischem Denken und einem Gespür für Menschen gelang es ihm, den Verein strukturell, sportlich und gesellschaftlich zu entwickeln – und das über einen Zeitraum von mehr als 40 Jahren.
Besonders bemerkenswert ist, dass Gooßen sein Amt ehrenamtlich und mit hoher Kontinuität ausübte. In einer Zeit, in der viele Vorstandsämter häufig wechseln oder professionell besetzt werden, blieb er eine feste Konstante – nicht nur organisatorisch, sondern auch emotional. Seine Arbeit zeichnete sich durch persönliche Nähe zu Mitgliedern, transparente Entscheidungen und langfristige Perspektiven aus.
Der Erfolg seines Wirkens zeigt sich nicht nur im sportlichen Aufstieg des Vereins bis in die Regionalliga Nord, sondern auch in der stabilen Vereinsstruktur, der hohen Bindungskraft für Ehrenamtliche und der starken Verankerung in der Region. Rigo Gooßen verdeutlicht, wie ehrenamtliches Engagement auf höchstem Niveau zu nachhaltiger Vereinsentwicklung führen kann – auch ohne hauptamtliche Strukturen.
Formen und Ebenen des Ehrenamts im Sport
Ehrenamtliches Engagement im Sport kann sich auf verschiedenen Ebenen vollziehen:
- Basis-Ehrenamt: Tätigkeiten im direkten Trainings- und Spielbetrieb (Trainer, Betreuer, Helfer)
- Vereinsführung: Vorstandsarbeit, Organisation von Veranstaltungen, strategische Vereinsentwicklung
- Verbandsarbeit: Engagement auf Kreis-, Bezirks- oder Landesebene in Sportverbänden
- Projektarbeit: Zeitlich befristetes Engagement für Turniere, Baumaßnahmen, Jubiläen oder Kooperationen
Diese Ebenen greifen ineinander und erfordern unterschiedliche Kompetenzen. Während das Basis-Ehrenamt oft durch persönliche Nähe zum Sport motiviert ist, verlangt die Arbeit im Vorstand oder im Verband zunehmend Managementfähigkeiten, rechtliches Wissen und kommunikative Stärke.
Rigo Gooßen war über Jahrzehnte auf der Führungsebene eines Vereins tätig, übernahm aber auch operative Aufgaben, unterstützte Veranstaltungen und war regelmäßig bei Spielen präsent. Diese Vielseitigkeit ist typisch für ein gut funktionierendes Ehrenamt im ländlichen Raum, wo oft mehrere Rollen durch eine Person abgedeckt werden.
Förderung und Anerkennung
Um das Ehrenamt im Sport langfristig zu sichern, bedarf es gezielter Förderung und gesellschaftlicher Wertschätzung. In vielen Bundesländern und auf Bundesebene gibt es Programme, die Ehrenamtliche durch Fortbildungen, Aufwandsentschädigungen oder Ehrennadeln würdigen. Auch Steuererleichterungen und Versicherungslösungen wurden in den letzten Jahren verbessert.
Dennoch bleibt die öffentliche Anerkennung oft hinter der tatsächlichen Leistung zurück. Gerade Menschen, die über Jahrzehnte freiwillig Verantwortung übernehmen, wie Rigo Gooßen, leisten einen gesellschaftlichen Dienst, der über den Sport hinausreicht. Eine stärkere Sichtbarmachung dieser Leistungen, etwa durch Porträts, Medienberichte oder öffentliche Auszeichnungen, kann dazu beitragen, neue Engagierte zu gewinnen und bestehende Ehrenamtliche zu motivieren.
Zudem ist die gezielte Förderung junger Menschen für das Ehrenamt entscheidend. Mentoring-Programme, partizipative Vereinsstrukturen und niedrigschwellige Einstiegsmöglichkeiten helfen, die nächste Generation für das Ehrenamt zu gewinnen und frühzeitig in Verantwortung zu bringen.
Einordnung und Bedeutung
Das Ehrenamt im Sport ist weit mehr als nur eine Unterstützungsleistung für Vereine. Es bildet das Rückgrat des deutschen Sportmodells, ermöglicht Teilhabe, stärkt den sozialen Zusammenhalt und vermittelt Werte, die für das gesellschaftliche Miteinander zentral sind. Besonders im Amateurbereich, in dem finanzielle Mittel begrenzt sind, ist das Ehrenamt eine unverzichtbare Ressource.
Die langjährige Arbeit von Rigo Gooßen verdeutlicht, welche Kraft in freiwilligem Engagement liegt. Sein Beispiel zeigt, dass das Ehrenamt im Sport nicht nur operative Aufgaben erfüllt, sondern auch als strategische Führungsaufgabe wahrgenommen werden kann. Die Kombination aus persönlichem Einsatz, fachlicher Kompetenz und regionaler Verwurzelung hat beim SV Drochtersen/Assel Strukturen geschaffen, die weit über den Spielbetrieb hinaus Wirkung zeigen.
Gerade in Zeiten gesellschaftlichen Wandels wird es umso wichtiger, das Ehrenamt als zukunftsfähiges Modell zu verstehen und es aktiv zu fördern. Nur so kann der Sport auch in Zukunft seiner sozialen Rolle gerecht werden – als Ort der Gemeinschaft, der Bildung und der persönlichen Entwicklung.



