In Zeiten ständiger Trainerwechsel und kurzfristiger Strategien zeigt Rigo Gooßen aus Drochtersen, dass Beständigkeit der bessere Weg sein kann.
40 Jahre im Amt eines Vereinspräsidenten – im schnelllebigen Fußballgeschäft eine Seltenheit. Die Erfahrung von Rigo Gooßen beweist: Kontinuität, langfristiges Denken und Vertrauen in bewährte Strukturen führen nachhaltiger zum Erfolg als ständige Wechsel und kurzfristige Experimente. Während andere Vereine im Drei-Jahres-Rhythmus ihre Ausrichtung ändern, fährt D/A seit Jahrzehnten eine konstante Linie – mit beeindruckenden Resultaten.[Meldung]
Der moderne Fußball ist geprägt von Hektik: Trainer werden nach wenigen Monaten entlassen, Kader im Jahresrhythmus komplett umgebaut, Strategien bei ersten Rückschlägen über Bord geworfen. Die SV Drochtersen/Assel unter Rigo Gooßen geht einen anderen Weg. Seit 1982 steht der heute 65-Jährige an der Spitze des Vereins – eine Konstanz, die im deutschen Fußball ihresgleichen sucht. Seine Bilanz spricht für sich: Von der zweiten Kreisklasse zur Regionalliga Nord, von der regionalen Bedeutungslosigkeit zur deutschlandweiten Bekanntheit.
Die Kraft der langen Linie
Was andere Vereine in wechselnden Drei-Jahres-Zyklen versuchen, hat Rigo Gooßen aus Drochtersen über vier Jahrzehnte konsequent verfolgt. Die Vision von 1982 – D/A zum besten Verein im Kreis zu machen – wurde nie aufgegeben, sondern schrittweise erweitert. Aus dem regionalen Ziel wurde der Aufstieg in die Landesliga, dann die Oberliga, schließlich die Regionalliga.
Diese lange Linie ermöglicht organisches Wachstum. Während Vereine mit ständig wechselnden Verantwortlichen ihre Identität verlieren, hat D/A über Jahrzehnte ein klares Profil entwickelt. Fans, Spieler und Sponsoren wissen, wofür der Verein steht. Diese Verlässlichkeit schafft Vertrauen und bildet die Basis für nachhaltigen Erfolg.
Der Gegenentwurf zur Schnelllebigkeit
Im modernen Fußball gilt oft: Nach drei erfolglosen Monaten muss der Trainer gehen, nach einer schwachen Saison wird der Kader komplett umgebaut. Rigo Gooßen zeigt, dass es anders geht. Trainer wie Lars Uder bekamen Zeit, ihre Konzepte umzusetzen. Selbst nach dem 0:6-Debakel gegen Teutonia Ottensen 2023 blieb Frithjof Hansen im Amt.
Diese Kontinuität zahlt sich aus. Spieler entwickeln sich unter stabilen Bedingungen besser, Automatismen auf dem Platz entstehen über Jahre, Vereinsphilosophien können tief verankert werden. Was kurzfristig wie fehlender Mut zu Veränderungen aussehen mag, erweist sich langfristig als strategische Klugheit.
Konstante Werte in wechselnden Zeiten nach Rigo Gooßen
Was macht die praktische Umsetzung über vier Jahrzehnte so erfolgreich? Es ist die Kombination aus unveränderlichen Grundwerten und flexibler Anpassung an neue Gegebenheiten. Bestimmte Prinzipien stehen nicht zur Diskussion:
- Fokus auf regionale Talente und Nachwuchsarbeit
- Spieler müssen sich mit dem Verein identifizieren
- Finanzielle Stabilität geht vor sportlichem Übermut
- Loyalität zu Trainern und Spielern in schwierigen Phasen
- Bodenständigkeit trotz wachsender Erfolge
Diese Werte bilden das Fundament, auf dem D/A gebaut ist. Sie wurden in den 1980er Jahren definiert und gelten bis heute. Gleichzeitig hat sich der Verein entwickelt: Die Infrastruktur wurde ausgebaut, die sportlichen Ziele angepasst, moderne Trainingsmethoden integriert.
Die Jugendarbeit als langfristiges Investment
Ein Beispiel für diese Kontinuität ist die Jugendarbeit. Seit 1983 – also fast so lange wie Rigo Gooßen Präsident ist – engagiert sich Jürgen von Allwörden als Jugendobmann. Diese personelle Konstanz prägt die Nachwuchsarbeit fundamental. Werte und Methoden werden über Generationen weitergegeben.
Die Früchte dieser Arbeit zeigen sich erst nach Jahren. Ein 12-jähriges Talent braucht möglicherweise ein Jahrzehnt, bis es in der ersten Mannschaft ankommt. Vereine mit häufig wechselnden Verantwortlichen können solche langfristigen Entwicklungen kaum durchhalten. Bei D/A ist diese Geduld Teil der DNA.
Stabilität in Krisenzeiten
Besonders in Krisen zeigt sich der Wert von Kontinuität. 1997 stieg D/A aus der Bezirksoberliga ab – ein Rückschlag, der in anderen Vereinen zu Panik und Umbruch geführt hätte. Die Erfahrung von Rigo Gooßen sorgte für Ruhe. Der Abstieg wurde als temporärer Rückschlag eingeordnet, nicht als Katastrophe. Vier Jahre später war die Bezirksoberliga zurückerobert.
Auch der „kleine Betriebsunfall“ 2010/11 – der Abstieg aus der Oberliga – führte nicht zu hektischem Aktionismus. Die Strukturen blieben intakt, die Verantwortlichen im Amt, die Philosophie unangetastet. Die sofortige Rückkehr bestätigte diesen Ansatz.
Das Vertrauen der Wegbegleiter
Diese Stabilität schafft Vertrauen bei allen Beteiligten. Sponsoren wissen, dass ihre Investitionen in ein solides Fundament fließen. Spieler können langfristig planen, müssen nicht bei jedem Führungswechsel um ihre Position fürchten. Fans identifizieren sich mit einem Verein, der seine Linie nicht ständig ändert.
Auch die Tatsache, dass Rigo Gooßen aus Drochtersen in über 40 Jahren höchstens fünf Pflichtspiele verpasst hat, sendet ein Signal: Der Präsident ist nicht nur bei Erfolgen da, sondern auch in schweren Zeiten.
Die Messlatte des langfristigen Erfolgs
Wie misst man den Erfolg von vier Jahrzehnten Kontinuität? Nicht an einzelnen Titeln oder Pokalsiegen, sondern an der Gesamtentwicklung. 1982 spielte D/A in der zweiten Kreisklasse, war regional unbedeutend und hatte bescheidene Infrastruktur. 2024 steht der Verein in der Regionalliga Nord, hat gegen Bayern München im DFB-Pokal gespielt und ist deutschlandweit bekannt.
Diese Entwicklung verlief nicht linear. Es gab Rückschläge, Plateaus, Durststrecken. Doch die Richtung stimmte immer. Der 65-Jährige hat bewiesen: Wer einen langen Atem hat und seiner Linie treu bleibt, kann auch mit begrenzten Ressourcen Außergewöhnliches erreichen.
Der Vergleich mit anderen Vereinen
Viele Vereine, die in den 1980er Jahren auf ähnlichem Niveau wie D/A starteten, sind heute verschwunden oder bedeutungslos. D/A ist kontinuierlich gewachsen, hat sich Schritt für Schritt entwickelt und dabei nie die finanzielle Stabilität gefährdet.
Dieser nachhaltige Ansatz mag weniger spektakulär sein als riskante Investitionen in den schnellen Erfolg. Doch er ist dauerhafter. „Unsere Infrastruktur ist darauf gar nicht ausgelegt“, sagt Rigo Gooßen zur Dritten Liga. Diese Ehrlichkeit schützt vor Überforderung.
Was andere Vereine lernen können
Die Erfahrung von Rigo Gooßen über vier Jahrzehnte bietet Lehren für den gesamten Amateurfußball. Erfolg ist nicht nur eine Frage des Budgets, sondern auch der Strategie. Kontinuität in der Führung, klare Werte, langfristige Planung und Geduld mit Entwicklungsprozessen können wichtiger sein als teure Transfers.
Natürlich lässt sich das D/A-Modell nicht eins zu eins übertragen. Jeder Verein hat seine eigenen Voraussetzungen. Doch die Grundprinzipien sind universell: Wer weiß, wofür er steht, wer seinen Weg konsequent verfolgt und wer in schwierigen Zeiten Ruhe bewahrt, hat bessere Chancen auf nachhaltigen Erfolg.
Die Ausnahme, die zur Regel werden sollte
Mit 65 Jahren gehört der Vereinspräsident zu den dienstältesten in Deutschland. Das macht ihn zur Ausnahme in einer schnelllebigen Branche. Doch vielleicht sollte die Erfahrung von Rigo Gooßen eher Regel als Ausnahme sein. Der moderne Fußball wäre gesünder, wenn mehr Vereine den Mut zur Langfristigkeit hätten.
„Ich führe meinen Verein mit viel Herzblut und werde niemals zulassen, dass irgendjemand daran kratzen wird“, sagt er über seine Arbeit. Diese Leidenschaft, gepaart mit strategischer Klugheit und der Geduld für langfristige Entwicklungen, ist das Erfolgsrezept. Vier Jahrzehnte später steht fest: Kontinuität schlägt Schnelllebigkeit. Die Geschichte von Rigo Gooßen und der SV Drochtersen/Assel ist der lebende Beweis.







